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Mittwoch, 8. August, „Kirche muss sich dem internen Pluralismus öffnen“


Theologischer Preis der Salzburger Hochschulwochen für José Casanova 


In einem feierlichen Festakt wurde am 8. August 2012 in der Großen Aula der Universität Salzburg der theologische Preis der Salzburger Hochschulwochen 2012 an Prof. Dr. José Casanova verliehen. „Seine religionssoziologischen Arbeiten setzten bedeutende Akzente für das Verständnis der Gegenwart von Religionen im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen und gehören heute zur Standardliteratur vieler theologischer Disziplinen“, begründete die Jury die Preisvergabe. Laudator Hans Joas würdigte Casanova als „globales Phänomen und wichtige Stimme der katholischen Öffentlichkeit“. Anlässlich der Preisverleihung forderte Casanova kirchliche Amtsträger wie Laienchristen auf, sich ihrer Verantwortung zu stellen: „Wie moderne demokratische Gesellschaften sich das Prinzip des zivilen Ungehorsams zueigen machen müssen, so muss sich auch die katholische Kirche in einer modernen Welt das Prinzip ‚faithful dissent’ in ihren Reihen aneignen und sich dem internen Pluralismus öffnen.“


José Casanova ist weltweit führender Religionssoziologie am renommierten Berkeley Center für „Religion, Peace and World Affairs“ an der Georgetown University, Washington D.C.. Geboren 1951 in Madrid, studierte er in Innsbruck und New York Philosophie, katholische Theologie und Soziologie. 1982 promovierte er an der New School for Social Research (New York) über die Ethik des Opus Dei und deren Einfluss auf die Modernisierung Spaniens. 1987 bis 2007 lehrte er ebendort Soziologie. Seit 2007 lehrt und forscht Casanova in Berkeley. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Religion und Globalisierung, Migration und religiöser Pluralismus.


„Casanova hat den Ort von Religion im öffentlichen Raum neu bestimmt. Durch seine Untersuchungen hat die Säkularisierungsthese neue Dynamik erhalten. Ganz im Sinne von Gaudium et Spes bieten Casanova’s Studien eine entscheidende Außenquelle für die Theologie“, erläuterte Obmann Univ. Prof. Gregor M. Hoff die Preisvergabe. Als Gratulanten fanden sich u.a. Erzbischof Dr. Alois Kothgasser, Rektor Univ. Prof. Dr. Heinrich Schmiedinger, der Vorsitzende der Salzburger Äbtekonferenz, Dr. Theodor Hausmann OSB, sein Vorgänger Benno Malfèr OSB sowie Christian Haidinger OSB; Vorsitzender der österreichischen Benediktinerkongregation, ein.


Casanova: Kirchlicher Umgang mit Frauen und Sexualität muss sich ändern


José Casanovas bahnbrechenden Studien zum Verhältnis von Religion und säkularen Gesellschaften zählen sowohl zur soziologischen wie zur theologischen Standardliteratur. Insbesondere „Public Religions in the Modern World“ (1994) provozierte zahlreiche Theologinnen und Theologen zu einer kreativen, reflektierten Auseinandersetzung mit den Bedingungen der säkularen Moderne. In seiner Rede zur Preisverleihung wies Casanova auf den immer größer werdenden Graben zwischen kirchlicher und gesellschaftlicher Moral hin. Insbesondere der mangelnde Zugang von Frauen zu kirchlichen Positionen mit Macht und Autorität, die inadäquate Antwort des kirchlichen Lehramts auf die sexuelle Revolution sowie der Skandal des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Kleriker zeigen laut Casanova das Scheitern der kirchlichen, von Männern dominierten Hierarchie an der Moderne. Einen Lösungsansatz sieht der Religionssoziologie in größerer Transparenz des Klerus, mehr Offenheit gegenüber den Laien und größerer Autorität und Verantwortung für Frauen in der Kirche. Casanova argumentiert: „Die diskursive theologische Argumentation innerhalb der katholischen Kirche, die die Ordination von Frauen verbieten würde, ist äußerst dünn. Soziologisch ist es nur eine Frage der Zeit, bis die katholische Kirche den modernen Wert der Geschlechtergerechtigkeit ernsthaft als ‚Zeichen der Zeit’ annimmt.“


Casanova setzt besonders auf das aktive Engagement von Laien: „Wir Laien haben eine besondere Verpflichtung, unsere Verantwortung als ‚Volk Gottes’ zu übernehmen und gegenüber dem wachsenden Klerikalismus im Glauben verankert und loyal, aber doch mit Nachdruck unseren Widerspruch zum Ausdruck zu bringen.“ Das Publikum feierte Casanova mit tosendem Applaus.


Auszeichnung für theologisches Gesamtwerk


Der theologische Preis der Salzburger Hochschulwochen wird seit 2006 jährlich in Anerkennung des theologischen Gesamtwerks eines Wissenschaftlers vergeben. Bisherige Preisträger waren u.a. Walter Kasper (2006), Erich Zenger (2008) und Christoph Markschies (2010). Die Jury des Theologischen Preises bestand 2012 aus Erzbischof Dr. Alois Kothgasser SDB, Rektor der Universität Salzburg, Prof. Dr. Heinrich Schmidinger, Prof. Dr. Marlis Gielen, Professorin für Neues Testament an der Universität Salzburg, Dr. Florian Schuller, Leiter der Katholischen Akademie in Bayern, sowie dem Obmann der Salzburger Hochschulwochen, Univ. Prof. Dr. Gregor M. Hoff.