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Sonntag, 8. August, Für ein gutes Leben angesichts der Endlichkeit - Eine neue Kultur der Gemeinsamkeit

 

Mit einem Festakt in der Großen Aula der Universität Salzburg endete am Sonntag die Salzburger Hochschulwoche. Als Festrednerin sprach Gesine Schwan über "Leben angesichts der Endlichkeit" und forderte für die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts eine neue Kultur der Gemeinsamkeit.

 

(SHW8/jugru) Die Salzburger Hochschulwoche 2010 stand unter dem Thema "Endlich! Leben und Überleben". Für eine Woche versammelten sich renommierte WissenschaftlerInnen in Salzburg, um interdisziplinär die vielfältigen Erfahrungen der Endlichkeit und Begrenztheit des Lebens zu diskutieren und Lösungsperspektiven zu eröffnen. Am Sonntag wurden beim feierlichen Abschluss die inhaltlichen Schwerpunkte der Tagungswoche noch einmal aufgegriffen.

In seiner Predigt beim Festgottesdienst im Dom betonte Erzbischof Dr. Alois Kothgasser, dass menschliches Leben zutiefst von Endlichkeiten geprägt ist – "Grenzen bestimmen unsere Existenz", so Kothgasser. Dabei "weiß der Mensch um die Bedingtheit seines Lebens und die Unverfügbarkeit seiner Zukunft." Diese Endlichkeit ist zurückzuführen auf die Geschichtlichkeit menschlicher Existenz: "Endlichkeit und Geschichtlichkeit sind die beiden Seiten einer Münze. Indem wir Menschen in der Geschichte stehen, eröffnen sich uns erst Handlungsmöglichkeiten; gleichzeitig sind wir aber auch vor einen spezifischen Auftrag gestellt".

Die Endlichkeit unseres Lebens anzunehmen, fällt uns nicht leicht, so der Erzbischof weiter. "Alles, was der Mensch macht, hat ein Ablaufdatum. Endlichkeit erscheint hier als einseitig negativ und verführt zu einer pessimistischen Haltung, in der Engagement keinen Sinn zu haben scheint." Aber für Kothgasser liegt in der Anerkennung unserer Endlichkeit auch ein hoffnungsvoller Aspekt: "Unsere Endlichkeit ist auch eine Einladung zum Leben. Sie macht die Zeit kostbar und gibt jedem Leben Würde und Einzigartigkeit. "Endlich!" ist nicht nur ein Mahnwort, sondern auch ein Lockruf, endlich anzufangen, wirklich zu leben."

Deutliche Worte fand Kothgasser für die Defizite, die in den letzten Monaten sowohl in Kirche als auch in der Gesellschaft die Endlichkeiten und Begrenztheiten menschlichen Handelns vor Augen geführt haben. Hier fordert er ein klares Engagement der Gläubigen: "Christen und Christinnen müssen wachsam die Gesellschaft und die Kirche beobachten und Missstände bekämpfen. Maßstab bleibt dabei das Evangelium, letztlich das Evangelium in Person, Jesus Christus. Ihm müssen wir folgen." Gerade die Endlichkeit jedes Lebens macht es zum Zentrum christlichen Handelns: "Der Mensch ist der wahre und erste Schatz, den es zu hüten gilt. Wie wir mit den Menschen umgehen, daran werden wir gemessen werden."

In einem Rückblick auf die Salzburger Hochschulwoche 2010 stellt Gregor Maria Hoff als Obmann die Dringlichkeit des diesjährigen Themas heraus und verband sie, wie der Erzbischof, mit einer Hoffnungsperspektive. "Die Grenzwertbetrachtungen des Endlichen widersetzen sich der Abstumpfung." Gerade in den (Über-)Lebenskämpfen unserer Zeit ist die christliche Botschaft wieder neu zu übersetzen und fordert zu auch zu politischen Entscheidungen angesichts globalisierter Herausforderungen auf, so Hoff. Dass die Salzburger Hochschulwoche sich immer wieder (seit 79 Jahren) den aktuellen Fragestellungen ihrer Zeit zuwendet, schätzt Simon Illmer, Präsident des Salzburger Landtages in seinen Grußworten: "Hier stellen sich wissenschaftliche Beiträge den gesellschaftlichen Fragestellungen mit Tiefgang und kratzen nicht bloß an der Oberfläche." Und auch Anja Hagenauer, in Vertretung von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, strich das gesellschaftliche Engagement der Salzburger Hochschulwoche hervor: "Die Salzburger Hochschulwoche schwimmt gegen den Strom. Hier steht Wissenschaft nicht im Dienste der Ökonomie."

Den Höhepunkt des Festaktes bildete die Festrede von Gesine Schwan. Die Politikwissenschaftlerin war Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und kandidierte zweimal für die SPD und die Grünen/Bündnis bei der Bundespräsidentenwahl in Deutschland. In Salzburg sprach sie zum Thema "Leben angesichts der Endlichkeit". Endlichkeit, so Schwan, ist eine unausweichliche Erfahrung menschlicher Existenz auf mehreren Ebenen: "Endlichkeit meint nicht nur die Begrenztheit des menschlichen Lebens, sondern auch die moralischen und geistigen Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind und die zu missachten ins Unheil führt." Trotz oder gerade aufgrund dieser Erfahrung "behält das Leben eine positive Aura. Aber diese grundlegend gegebene Positivität genügt nicht. Seit alters haben Menschen über ein "gutes", ein "erfülltes" Leben nachgedacht."

Schwan stellt so die Frage: "Wie kann ein "gutes" Leben angesichts der Endlichkeit gelingen?" Als Antwort skizziert sie eine "Neue Kultur der Gemeinsamkeit", die es zu "erarbeiten, ja zu erstreiten" gilt. Für Schwan gründet diese neue Kultur in der Erarbeitung eines Grundkonsenses, den sie als "antagonistische Kooperation" näher beschreibt: „Der Begriff klingt wie ein Widerspruch, weil ein Antagonismus als Gegensatz Gemeinsamkeit auszuschließen scheint. Aber genau auf diese Kunst kommt es an: die Spannungen auszuhalten, und trotzdem das Gemeinsame zu wollen."

Als Konkretisierung und gleichzeitig als Herzstück einer neuen Kultur der Gemeinsamkeit beschreibt Schwan den dringlich gebotenen ganz anderen Umgang mit Natur, Energie und Klima: "Hier brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Eine Kultur der Gemeinsamkeit bedenkt die Endlichkeit unserer Mittel, die Gefahr kurzfristiger Erfolgsorientierung und die verantwortliche Verbundenheit mit den lebenden wie den zukünftigen Generationen." Es geht hier schon lange nicht mehr um die einfache Frage: Wachstum – ja oder nein?. Vielmehr darum, "gemeinsam ein bekömmliches Wachstum zu gestalten, das wir schon angesichts der steigenden Weltbevölkerung dringend brauchen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass es ein qualitativ verträgliches Wachstum ist." Für Schwan zeigen sich jetzt schon Anknüpfungspunkte dafür: "Dafür müssen wir auch nicht das gesamte System revolutionieren. Die Markwirtschaft ist nicht per se blind für die Belange der Natur und die Bedürfnisse der Menschen nach einem intakten Umfeld."

In der neuen Kultur der Gemeinsamkeit produziert die Endlichkeit unseres Lebens, der Welt und ihrer Ressourcen nicht Resignation, sondern Hoffnung: "Die neue Kultur der Gemeinsamkeit verspricht keine perfekte Utopie, aber sie öffnet die Tür für ein Zusammenleben, das im Rahmen der Grenzen der Endlichkeit einen Weg ebnet. Sie schenkt uns die Chance, uns mit der Endlichkeit so zu versöhnen, dass ihr unausweichlicher und heilsamer Stachel bleibt, ohne die Möglichkeit eines guten, gelingenden Lebens zu vernichten." Schwan endet mit einer Frage: "Können wir uns mehr wünschen?"