Skip to main content

Samstag, 2. August, Europäisierung außerhalb Europas

 

Europäische Transferräume an den Grenzen und im Außen

 

Der letzte Vorlesungstag führte das Nachdenken über ein „Europa, das im Zeichen von Entgrenzungen steht“ (G.M. Hoff) zu einem Ende. Erneut wurde heute mit Univ.-Prof. Dr. Katharina Sykora die Perspektive der Fotografie eingenommen, die Inklusions- und Exklusionsdynamiken sichtbar machte. In ihren fotografischen Grenzgängen stellte sie der journalistischen Fotoberichterstattung zwei fotokünstlerische Positionen sowie private Aufnahmen entgegen, die jeweils spezifische Bilder Europas an der Grenze erzeugen. Univ.-Prof. Dr. Ulrike von Hirschhausen erschloss den TeilnehmerInnen der Salzburger Hochschulwoche 2014 den Kampf gegen den Sklavenhandel und die damit in Verbindung stehende Entwicklung von Normen europäischer Menschenrechtsgesetzgebung als Beispiel für ihre These, dass sich Europa nicht allein aus sich selbst, sondern nur in Verflechtung mit der außereuropäischen Welt konstituiere.

 

(SHW6/teleo) Nachdem Univ.-Prof. Dr. Katharina Sykora bereits gestern gezeigt hat, auf welch unterschiedliche Art und Weise Fotografien „europäische Transferräume, die eigene heterotope Qualitäten besitzen“ (G.M. Hoff), ins Bild rücken können, fuhr sie in ihrer zweiten Vorlesung fort – diesmal anhand der journalistischen Fotoberichterstattung, zweier Arbeiten der Fotokünstler Julian Röder und Marco Poloni sowie privater Aufnahmen – Grenzgänge an Europas Rändern vorzunehmen. Standen alle Beispiele in Bezug zur Thematik europäischer Außengrenzen wurde die Vielfältigkeit der Fotografie-Geschichten deutlich. So evozieren die Bilder der Foto-Journalisten zur Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa Erinnerungen an Krieg und Naturkatastrophen, transportieren eingewobene Bildmuster, wie das der Arche Noah oder werden metaphorisch gelesen: „Das Boot ist voll.“ „Verstören uns diese Bilder wirklich oder ist es nicht eher das kollektive Ego der Europäer, das hier angekratzt wird?“, fragte Sykora. Hinter diesen Bildern stehe eine europäische Perspektive, die MigrantInnen als anonyme Masse zeige; ganz im Gegensatz zu den politischen Akteuren, die - werden sie zum gleichen Thema ins Licht gerückt – umgeben von den Emblemen der Macht die Betrachtenden als Adressaten direkt ansprechen.

 

Die Schenkenden mit Respekt empfangen

Aus dieser „einseitigen hierarchischen Blickstruktur“ möchten Fotografen wie Julian Röder ausscheren. Er vermied es also in seiner Arbeit „Mission and Task“ - Northern Greece 2012, die Betroffenen in dramatisch-sensationaller Manier zu zeigen. Vielmehr begab er sich an die Außengrenzen im Norden Griechenlands, um das System der fotografischen Grenzsicherung in seine Bildsprache zu übersetzen und dabei gleichzeitig seine eigene Rolle als Fotografierender zu hinterfragen. In seinen „unspektakulären“ Bildern werden der unheimliche Automatismus der Anlagen und die Selbstdarstellung der Grenzpolizisten einer Smart Border offenbar.  Zuletzt widmete sich Sykora jenen Fotografien, die in den Taschen der vor Lampedusa umgekommenen afrikanischen MigrantInnen aufgefunden wurden – einst „Zeichen eines lebendigen Selbstbewussteins, nun Totenzettel“. In ihnen lasse sich nicht nur etwas über die Menschen, sondern auch etwas über die reiche fotografische Kultur Afrikas ablesen. Sie zeugen von den Fotostudios als Ort der Transformation und Wunscherfüllung. Ja, sie seien mit den ihnen impliziten Formen ziviler Erfahrungen gleichzeitig ein „Geschenk an das Gastland“ und könnten zu einem engeren Miteinander führen - von Menschen in Europa, die reich an Privilegien sind und Menschen, die vor den Toren Europas stehen und diese Privilegien nicht besitzen.

 

„Europa der Gezeiten“ – Verflechtung und Fragmentisierung

In ihrer zweiten Vorlesung stellte Univ.-Prof. Dr. Ulrike von Hirschhausen die Verflechtungen Europas mit der außereuropäischen Welt ins Zentrum ihrer Ausführungen. Maßgebliche Einflüsse zur Formierung Europas stammen aus diesen Verbindungen; jedoch verläuft einer Europäisierung nicht als linearer Verdichtungsprozess. Es sind Verflechtungen und Fragmentierungen, die Europa konstituieren – ein „Europa der Gezeiten“ (Norman Davies) eben. Als Beispiel für ihre These entfaltet von Hirschhausen den Kampf gegen den Sklavenhandel. Die Eindämmung des Sklavenhandels, die in der Betrachtung einer Europäisierung vielfach vergessen werde, spiele eine wesentliche Rolle für die Ausbildung der modernen Menschenrechte; die sich damals entwickelnden Normen können als Fundament der 1948 formulierten UN Declaration of human Rights betrachtet werden.

 

Europäisierung findet nicht nur auf europäischen Boden statt

Im beginnenden 19. Jahrhundert haben sich in Folge des internationalen Kampfes einiger Länder gegen die Sklaverei an den Atlantikküsten Afrikas und Amerikas zahlreiche internationale Sklavereigerichtshöfe entwickelt. „Von der Exekutive zur Judikative“: In den über 600 Prozessen setzten sich zwei neue grundlegende Rechtsvorstellungen – das Konzept vom Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Möglichkeit universaler Bestrafung bei der Verletzung von Menschenrechten – durch. Mit den Urteilen an den Sklavereigerichtshöfen, die in diesem Sinne als direkter Vorläufer des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte gesehen werden können, sei damit ein entscheidender Denkschritt unternommen worden – ein Normenkatalog für Europa wurde erstellt, was ein „Stück Europäisierung erkennen lässt, das nicht auf europäischem Territorium entstanden ist“, wie von Hirschhausen in ihrem Fazit festhält.

 

 

Terminhinweise:

Akademischer Festakt mit dem Festvortrag von Karl Fürst zu Schwarzenberg: 03. August 2014, 10.30, Gr. Aula

 

Weitere Presseinformationen, das Programm sowie Bilder zur honorarfreien Veröffentlichung finden Sie unter: www.salzburger-hochschulwochen.at. Belegexemplare oder Hinweis erbeten.

 

 

Ansprechpartnerin:

Dr. Teresa Leonhardmair

Pressereferentin

Mobil: +43-(0)-650 98 71 223

presse@salzburger-hochschulwochen.at

http://www.facebook.com/SalzburgerHochschulwochenwww.salzburger-hochschulwochen.at