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Sonntag, 4. August, Predigt Erzbischof Kothgasser

 

 

Liebe Brüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Salzburger Hochschulwoche, liebe Referentinnen und Referenten,
liebe Verantwortliche,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Träger und Förderer dieser bedeutsamen Veranstaltung,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

 

Das Wagnis des Wissens

Von Francis Bacon von Verulam (1561-1626) ist uns ein Wort überliefert, das zum wirkmächtigen Motto neuzeitlicher Wissenschaft und Forschung geworden ist. Es lautet: "Tantum possumus, quantum scimus" – "Wir können, wir vermögen so viel, als wir wissen."

 

Der englische Staatsmann und Philosoph Bacon, von dem anfangs der Woche zu hören ich mich freute, deutet diesen Grundsatz streng naturwissenschaftlich. Die Erkenntnis des Menschen von der Natur und vom Menschen soll so exakt sein, so sehr der tatsächlichen inneren Struktur der Wirklichkeit entsprechen, dass es dem Wissenden möglich ist, das Erkannte im Griff zu haben und zu beherrschen. Nach seiner Auffassung soll Wissen zum Nutzen des Menschen gewonnen werden. Wissen wird als Mittel dafür betrachtet, Hunger und Seuchen zu bekämpfen und den Bedrohungen der Natur effizient zu begegnen. Wird Wissen primär so gesehen, dann gilt auch: Wissen ist Macht.

 

Die Ambivalenz des Wissens

Doch wir wissen aus Erfahrung, dass Macht ambivalent ist und nicht nur zum Aufbau des Guten genützt werden kann, sondern auch gefährlich ist und viel Unheil anrichten kann. Diese Ambivalenz ist auch ein Wesensmerkmal des Wissens. Zu allererst muss festgehalten werden, dass das Wissen etwas Wunderbares ist. Es zeichnet den Menschen als Menschen aus, dass er die Fähigkeit hat, sich selbst und die Wirklichkeit im Detail wie im Ganzen zu erkennen und sich zum eigenen Sein im Modus des Verstehens zu verhalten. Die Menschheit hat gelernt, verlässliches Wissen von der Welt zu gewinnen und es an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

 

Umfang und Tiefe des Wissens, das heute die verschiedenen Wissenschaften von der Natur und vom Menschen angesammelt haben, können uns in Staunen versetzen, ja Bewunderung hervorrufen, aber sie können uns auch Angst machen. Denn Wissen kann, ähnlich wie Macht, zum Heil des einzelnen Menschen und zum Wohl der Gesellschaft eingesetzt, aber auch zu dessen Schaden missbraucht werden. Wissen ist böse, wenn es im Dienste der Zerstörung von Frieden und Menschenrechten, der Aushöhlung und Unterwanderung der Gerechtigkeit oder der Verletzung der Intimität und Würde des Einzelnen steht.

 

Angst vor dem Wissen

Die Ambivalenz von Wissen begegnet dem Menschen in sehr existentieller Weise im Bereich der Humanwissenschaften. Was täten wir auf der einen Seite ohne dieses grandiose Wissen? Manche unter uns würden vielleicht nicht mehr hier sitzen, gäbe es nicht die vielen Errungenschaften der modernen Pharma- und Medizinforschung. Wissen im Sinne der Entdeckung neuer Medikamente oder im Sinne der Neu- und Weiterentwicklung von Methoden zur Behandlung von Krankheiten dient vielen Menschen zum Heil, oder besser: zur Heilung, birgt aber auch ein hohes Gefahrenpotential. Die Möglichkeiten subtiler Manipulation werden immer größer. Mit der Zunahme des Wissens über den innersten Aufbau des menschlichen Lebens wächst auch die Macht der Machbarkeit. Die von der Biomedizin verfolgte Vision von Designerbabys, um hier einen viel strapazierten und durchaus schillernden Begriff zu verwenden, macht diese Problematik deutlich.

 

Ebenso ermöglicht Wissen den Wissenden oft raffiniert zu eigenen Gunsten Einfluss auf gesellschaftliche und ökonomische Systeme oder direkt auf Menschen zu nehmen. Die Tricks, mit denen etwa namhafte Banken – wie in den letzten Tagen berichtet wurde – die Preise verschiedener Rohstoffe künstlich hochhalten, wollen nicht enden. Wissen ist Macht unter anderem deshalb, weil es dem Wissenden einen Vorsprung vermittelt. So missbraucht so mancher Kluge Insiderwissen dazu, um große Gewinne zu machen. Pharmakonzerne nutzen ihren Wissensvorsprung dazu, sich möglichst lange hohe Einnahmen mit patentierten Medikamenten zu sichern. Ganz allgemein kann man vom Wissen wohl sagen: Wo viel Licht ist, wird auch der Schatten nicht fehlen.

 

Die Verantwortung des Wissens

Mit diesen Gedanken drängt sich nun aber ein anderes wichtiges Thema in den Fokus der Überlegungen. Wenn Wissen einen so bedeutsamen Machtfaktor in unseren Gesellschaften darstellt, dann leuchtet jeder und jedem unmittelbar ein, dass Wissen immer auch sehr viel mit Verantwortung zu tun hat. – Verantwortung war übrigens das Thema der letztjährigen Hochschulwoche! – Wissen ist also von Verantwortung nicht zu trennen. Es ist meines Erachtens unrealistisch zu glauben oder zu hoffen, dass sich Wissen von außen durch gesetzliche Regelungen oder durch moralische Appelle wird begrenzen lassen. Insofern ist es entscheidend, dass sich die Wissenden der Verantwortung ihres Wissens bewusst sind. Hier ist das Wort Jesu in Erinnerung zu rufen: "Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen." (Lk 12,48)

 

Zu dieser Verantwortung gehört auch die große Verpflichtung, Wissen weiterzugeben. Es geht hier nicht um intimes Wissen aus persönlichen Gesprächen im Rahmen von therapeutischen oder pastoralen oder rein privaten Begegnungen. Menschlich-soziales Miteinander braucht dringend den Raum der Diskretion, eine geschützte Privatsphäre, die im Zeitalter des Booms der Sozialen Netzwerke leider oft zu leichtfertig dem Bedürfnis der öffentlichen Selbstdarstellung geopfert wird. Es geht also nicht um intimes Wissen, sondern um öffentliches Wissen, das dem Aufbau der gerechten Ordnung der Gesellschaft und der umfassenden Bildung des einzelnen Menschen dient.

 

Die Aufgabe der Bildung

Bildung wird von Sozialforschern immer klarer als der Schlüssel sowohl zu einer gerechten Gesellschaft als auch zu einem erfüllten selbstbestimmten Leben erkannt. Umgekehrt bedeutet Mangel an Bildung einen gravierenden Nachteil in unserer Welt. Jemanden die Bildung zu verweigern bedeutet eine Verletzung der Menschenrechte. Denn jeder Mensch hat laut Art. 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte das Recht auf Bildung und auf Aneignung von Wissen.

 

Angesichts dieser fundamentalen Bedeutung darf Bildung nicht zum Spielball politischer Machtinteressen werden. Ähnlich wie für die Kirche gilt für die Bildung: "eruditio semper reformanda" (das Bildungssystem ist immer wieder zu reformieren), weil Menschen und gesellschaftliche Strukturen und damit auch die Herausforderungen für die jungen Menschen sich ständig ändern. Die Reform der Bildung sollte allerdings nicht allein von Parteiprogrammen oder Gesellschaftsideologien bestimmt werden, sondern vom Wohl der Kinder im Blick auf deren Zukunft. Zu einem guten Gelingen braucht es aber nicht nur die Reformbereitschaft der Pädagoginnen und Pädagogen. Es scheint auch wichtig zu sein, in den Kindern den Hunger nach Bildung neu zu wecken bzw. mehr zu fördern. 

Ein wesentlicher Beitrag dazu ist wohl, dass Kinder und Jugendliche von den Erwachsenen eine sinnvolle Wertehierarchie vorgelebt bekommen. Wenn man Kindern von klein auf der rein materialistischen Lebensorientierung der medialen Spaßgesellschaft aussetzt und ihnen den Wert einer aktiven Lebensgestaltung nicht vermittelt, ist das geistige Desinteresse keine schicksalhafte Fügung. Die Herausforderung besteht darin, ihnen die Augen für die Schönheit von Kunst, Religion und Kultur, sowie für die unendlich weite und sensible Welt des Herzens zu erschließen.

 

Wissen tritt – und darin liegt auch ein wesentlicher Faktor seiner Ambivalenz – leider oft im Gehabe des ideologischen Selbstanspruchs der Grenzenlosigkeit und des Wahrheitsmonopols auf. Verabsolutierung von Wissen schränkt den Blick auf die Wirklichkeit ein und beschwört die Gefahr herauf, dass alle Wirklichkeit nur noch in ihrer Gegenständlichkeit gesehen und als Material der menschlichen Berechen- und Manipulierbarkeit verwendet wird.

 

Es ist aber – wie Martin Heidegger sagte – "ein Irrtum (...), zu meinen, nur demjenigen käme ein Sein zu, was sich wissenschaftlich-technisch als Objekt verrechnen und beweisen lasse" (Phänomenologie und Theologie, 76). Die Folgen der Einengung der Erkenntnis auf den Modus der instrumentellen Vernunft sind in den politischen, sozio-ökonomischen und ökologischen Entwicklungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute mehr als deutlich zu spüren. Menschliches Leben und menschenwürdige Gesellschaft brauchen neben dem reinen Wissen ganz wesentlich auch emotionale Intelligenz, Weisheit des Herzens und ein Gespür für die Transzendenz, für das Größere, für die übernatürliche Dimension des Daseins.

Das Hören auf Gottes Wort – Zugang zur ganzen Wirklichkeit

Gottes Wort gibt Einblick in Welt und Geschichte, Gott und Mensch, Leben und Tod, Auferstehung und Zukunft.

 

Das Buch Kohelet weiß offensichtlich – so die heutige Lesung -  sowohl um den Wert als auch um die Kontingenz und Begrenztheit von Wissen, wenn es den Windhauch-Charakter menschlichen Lebens damit veranschaulicht, dass ein Mensch, "dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde", diesen dann einem anderen überlassen muss.

 

Wissen und die auch durch eine bestimmte Form des Wissens angehäufte irdische Macht sind kein Garant für menschliche Erfüllung und Heil. Deshalb warnt Jesus im Evangelium ausdrücklich vor der Habgier (wörtlich: vor der Vergrößerungssucht bzw. dem Mehrhabenwollen), also vor der Gier nach dem Haben und dem Ansehen. Denn darin besteht nicht der Sinn des Lebens. Wer nur für das Irdische lebt, nach Macht durch Wissen und der daraus resultierenden Überlegenheit giert, geht an der eigentlichen Bestimmung und den tieferen und verheißungsvollen  Möglichkeiten des Menschseins vorbei.

 

Die Größe des Menschen und seines Geistes besteht darin, dass er über den Horizont der empirischen Welt hinauszudenken und hinauszufühlen vermag und sein Leben von höheren Zielen bestimmen lassen kann. Menschen sind empfänglich für die Dimension des Göttlichen und dessen Wirklichkeit im Hier und Jetzt.

 

Der Apostel Paulus ermutigt uns im Kolosserbrief in diesem Sinn: „Richtet euren Sinn auf das Himmlische, nicht auf das Irdische“ (vielleicht sollten wir besser sagen: nicht ausschließlich auf das Irdische)! Als neue Menschen aus der Erfahrung der Auferstehung zu leben und offen zu sein für die Wirklichkeit des Geistes Gottes, das ist mehr als Wissen, das ist wahre Weisheit. Oder: Wie der evangelische Theologe und Glaubenszeuge Dietrich Bonhoeffer formuliert hat: „Der rechte Zeitgeist ist der Heilige Geist!“

 

Amen.