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Donnerstag, 9. August, „Kirche bei Religionsfreiheit auf Tauchstation“


Harte Kritik an der katholischen Kirche, politischem Populismus und Eliten


Der Menschenrechtsexperte Prof. Dr. Heiner Bielefeldt (Universität Erlangen-Nürnberg) übte in einer Podiumsdiskussion bei den Salzburger Hochschulwochen heftige Kritik an der katholischen Kirche: „Das 2. Vatikanische Konzil war ein Durchbruch, aber seither geht die Kirche bei Religionsfreiheit zunehmend auf Tauchstation. Wenn die Kirche Menschenrechte nach außen vertritt, muss sich auch intern einiges ändern.“ Bielefeldt verwies dabei insbesondere auf die mangelnde Geschlechtergerechtigkeit. Der Münchener Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi forderte die Entscheidungseliten auf, über ihren Tellerrand zu blicken und übersetzungsfähig zu werden.


Bielefeldt wie Nassehi waren sich einig, dass Menschenrechte und Demokratie eng miteinander verwoben sind, verfolgen jedoch unterschiedliche theoretische Ansätze. Während Bielefeldt stärker normativ arbeitet, ist Nassehi an den empirisch feststellbaren Funktionsstrukturen der Gesellschaft interessiert. Eine große Gefahr für demokratische Ordnungen liegt für Heiner Bielefeldt in den aggressiven Entliberalisierungsversuchen durch Populisten. „Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit und die Verweigerung von Komplexität sind zentrale Kennzeichen des Populismus, ob er nun von rechts oder links kommt. Die aktuelle Debatte um religiöse Beschneidung führt vor Augen, wie Religionskritik in Deutschland immer mehr in Populismus abgleitet. Wir müssen über alles reden können, aber mit Respekt, Fairness und der Komplexität des Themas angemessen“, forderte Prof. Bielefeldt am Podium.


Bielefeldt: Keine Glaubwürdigkeit ohne Geschlechtergerechtigkeit


Intensiv wurden die Universalität der Menschenrechte und die Verantwortung der katholischen Kirche bei deren Umsetzung diskutiert. Menschenrechte seien universal gültig, aber nicht in einem naiven Sinn. „Universalität ist ein schwieriger, konfliktreicher Prozess. Wir müssen auch anderen Gesellschaften jene Lernprozesse zugestehen, die wir selbst durchlaufen haben und immer noch vor uns haben“, so Bielefeldt. Die katholische Kirche trete seit dem Zweiten Vatikanum als Anwältin der Menschenrechte auf, doch leide ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie innerhalb der eigenen Reihen keine Geschlechtergerechtigkeit verwirkliche. Auch beim Recht auf Religionsfreiheit müsse sie wieder aktiver auftreten, erklärte Bielefeldt: „Die katholische Kirche geht bei Religionsfreiheit immer mehr auf Tauchstation. Heute sind Evangelikale und Bahai aktiver in NGOs als Katholiken.“


Prof. Armin Nassehi, Soziologe an der LMU München, verwies in der Diskussion auf die Stärke der katholischen Kirche mit Asymmetrien umzugehen: „Demokratisierungen sind notwendig, aber die Kirche ist sehr eingespielt im Umgang mit Asymmetrien wie einer starken Hierarchie.“ Auch Wirtschaftsunternehmen und Universitäten seien nicht unbedingt demokratisch.


Nassehi: Elite ist, wer auch anders denken kann!


Armin Nassehi führte den Begriff eines „aufgeklärten Opportunismus“ ein, der in der Lage sei, die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse der Moderne zu erklären und zu strukturieren. „Wenn der andere nicht mehr mein Konkurrent ist, dann kann mir sein Verhalten egal sein – auch wenn es meinen eigenen Normen widerspricht. Das ist sozialer Opportunismus. Wir alle handeln opportunistisch, vom Kreditverkäufer bis zum Universitätsprofessor“, so Nassehi.


Komplexe Gesellschaften bedürfen laut Nassehi neuer Eliten, die nicht in starren Mustern denken, sondern Problemstellungen wie Antworten auch in andere Logiken übersetzen können. „Elite ist überall dort, wo Menschen Perspektiven entwickeln. Eliten müssen auch anders denken können. Doch unsere Hochschulreformen weisen in eine andere Richtung“, warnte der Soziologe.