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Predigt Mittwoch, 3. August

 

 Die Situation der Gemeinde der Israeliten im Gebiet um die Hauptoase von Kadesch am Rande des verheißenen Landes erinnert mich an die Lage von Bergwanderern, die sich auf dem Weg zu einer Bergspitze befinden:
- Sie brechen voller Begeisterung auf zu einer Bergtour, das Gipfeler-lebnis vor Augen; das motivierte sie, den beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen; doch knapp vor dem Ziel verlassen sie die Kräfte und der Mut, der Weg erscheint ihnen zu gefährlich – sie überlegen umzu-kehren, aber der Abstieg – das ahnen sie – ist vielleicht noch gefährli-cher; sie schweben quasi zwischen Himmel und Erde.
- Das Volk Israel wagte den Exodus, es brach aus dem sicheren, aber saturierten und unerfüllten Leben in Ägypten aus, trotzte 40 Jahre den Unwirtlichkeiten der Wüste. – Nun, da das verheißene Land zum Greifen nahe ist, verlässt sie der Mut: Sie schicken Kundschafter aus, die (bis auf Kaleb und Josua) zwar von der Schönheit des Landes schwärmen, doch ein beängstigendes Bild von den Menschen dort ma-len.
- Das Volk beginnt zu verzweifeln, es weint und murrt, weigert sich die finalen Schritte zu setzen, träumt wieder von der angeblich so schönen Alten Zeit in Ägypten. Stimmen werden laut, die fordern, man solle doch umdrehen und nach Ägypten zurückkehren. Es ist aber mehr als fraglich, ob diese Variante die Bessere wäre; ja es ist höchst unwahr-scheinlich, dass sie dort noch Heimat finden würden.
- Die Befindlichkeit des Volkes ist geprägt von Unsicherheit und Zwei-fel im Sinne des Stehens-auf-zwei-Seiten: Man trauert dem Alten nach, ohne wirklich ernsthaft zurück zu wollen / können, vertraut aber auch dem Neuen, der Verheißung Jahwes, nicht wirklich. Das ist eine klassische Situation der Selbstblockade, wie wir sie alle kennen.
- Die Gründe dafür liegen einerseits im Selbstzweifel, d.h. im mangeln-den Selbstwertgefühl und im schwachen Vertrauen in die eigenen Fä-higkeiten, und andererseits im Kleinglauben, im zu geringen Vertrau-en auf die Verheißung Gottes.
 Dagegen zeichnet das Evangelium in der Geschichte der Heilung der Tochter einer Kanaanäerin das Bild einer star-ken und selbstbewussten Frau, die weiß, was sie will. Mat-thäus hebt vor allem den starken Glauben dieser Frau, noch dazu einer Heidin, hervor:
- Die Not der Frau war groß, was durch das laute Schreien zum Aus-druck gebracht wird.

 


- Aber auch ihr Glaube war groß: Da sie Jesus als Sohn Davids an-spricht, war ihr offensichtlich bewusst, dass sie den vor sich hat, der als Messias zu den Notleidenden Israels gesandt ist. Trotzdem (oder gerade deswegen) ruft sie ihn um Erbarmen an.
- Vorerst beißt sie allerdings auf Granit: Die Jünger versuchen sie, quasi das lästige Weib, abzuwimmeln; und Jesus weist sie ab, indem er zu-erst auf seine genuine Sendung für das Haus Israel verweist und dann seine Ablehnung mit dem Wort vom Unterschied zwischen Kindern und Hunden untermauert.
- Matthäus geht es bei diesem drastischen Vergleich primär um das Verhältnis von Juden- und Heidenmission, die Szene hat aber auch ei-ne bemerkenswerte spirituell-existentielle Dimension, die man nicht außer Acht lassen sollte.
- Auch wenn man der heilsgeschichtlichen Aussage gerecht zu werden versuche, so steigt doch wohl eher Ärger auf: Ich muss gestehen, ich empfinde das Verhalten Jesu als engstirnig, präpotent, chauvinistisch, lieblos und abwertend gegenüber der Frau.
- Diese beweist ein gesundes Selbstwertgefühl, da sie sich durch die di-versen Zurückweisungen und schließlich sogar die Gleichsetzung mit dem Status eines Hundes im Vergleich zu jenem der Kindern in einem Haushalt nicht entmutigen lässt, sondern beharrlich bittet.
 Der Glaube des Menschen ist dann besonders stark und fruchtbar, wenn der Mensch auch an sich glaubt. Anders ge-sagt: Stark ist unser Glaube dann, wenn gesundes Selbst-wertgefühl und tiefes Gott-Vertrauen aufeinander treffen.
- Beides schreibt Jesus der Frau anerkennend zu, wenn er sagt "Frau, dein Glaube ist groß!".
- Und groß ist auch die Kraft eines Gebetes, das diesem Glauben ent-springt: Er kann die Bitte der Frau nicht abschlagen und heilt deren Tochter, ohne auf konfessionelle Grenzen zu achten.