Skip to main content

Predigt Dienstag, 2. August

 

 "Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein."
- Mit diesem Logion, dieser lehrhaften These, sind wir mitten in der Auseinandersetzung Jesu mit den Schriftgelehrten und Pharisäern, de-ren Brisanz Matthäus noch unterstreicht, indem er betont, dass sie aus Jerusalem, also aus der Zentrale, angereist kamen (so ähnlich, wie wenn Mitglieder der Glaubenskongregation aus Rom anreisen würden, um hier bei den SHW nach dem Rechten zu sehen)
- Die Exegeten sprechen im Hinblick auf diesen Vers von einer "crux interpretum" (Kreuz für die Interpreten), vermutlich weil es sehr schwer fällt, die Position des Matthäus im Streit um die jüdischen Reinheitsgebote im Detail zu eruieren.
- Die grundlegende Botschaft des Evangeliums und die Absicht Jesu scheinen aber doch klar zu sein: Das Reinheitsgebot soll nicht grund-sätzlich aufgehoben werden; außer Zweifel steht aber, dass das Liebesgebot und die sittliche Haltung den rituellen Vorschriften überzu-ordnen sind.
- Was durch den Mund aufgenommen wird, verunreinigt nicht den Menschen (es verdirbt höchstens den Magen), was aber aus dem Mund herauskommt, kann ihn entweihen und ihn gemein machen (wie es wörtlich heißt).
- Der Sinn des zweiten Teils des Verses erschließt sich durch den Wechsel von der physischen auf die geistig-metaphorische Ebene: Der Mund ist hier das Sprachrohr des Herzens oder Instrument der Umset-zung der Gedanken des Herzens. Das Herz ist der Ort, von dem die Gedanken, Worte und Werke des Menschen ihren Ausgang nehmen.
- Dieser Zusammenhang von Herz, Mund und Hand wird deutlich in Je-su Erklärung seines Wortes an die Jünger. Dort betont er, dass deswegen das aus dem Mund Kommende das Unreinmachende ist, weil aus dem Herzen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl und Verleumdung kommen.

 Das eingangs zitierte Wort Jesu ist aber nicht nur eine Un-terweisung der Jünger (bzw. der Christengemeinde), sondern auch eine Breitseite gegen die Pharisäer und Schriftge-lehrten:
- Denn die Jünger halten sich deswegen nicht an die Überlieferung der Alten, weil diese mündliche Auslegung des ursprünglichen Gesetzes vielfach auch zu diesen Dingen gehört, die aus dem Mund heraus-kommend den Menschen unrein machen; sie verfälschen die ursprüngliche Intention.


- Zugespitzt wird diese Kritik an den religiösen Führern durch den Vorwurf, dass sie blinde Blindenführer sind.
- Blindheit wird beiden zugeschrieben, den Menschen und den religiö-sen Führern; doch Letztere hätten die Verantwortung, gute Orientie-rung zu geben.
- Wie sollen wir Blindheit hier verstehen? – nicht i.S. von "nicht sehen können", sondern i.S. von "nicht sehen wollen"
- Ihre Blindheit besteht darin, dass sie in der Auslegung des Gesetzes das Wichtige nicht vom Unwichtigen unterscheiden können. Wenn derart Blinde Blinde führen, muss das zwangsläufig in einer Katastrophe enden.

 Das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, das ist auch die große Herausforderung, vor der wir als Kirche ste-hen – die Gemeinde als ganze ebenso wie der/die Einzelne und diejenigen, denen leitende Aufgaben zukommen.
- Grundlegend ist dabei: die Realität sehen und ernst nehmen
- Ã„ngstliche Menschen neigen dazu, im wahrsten Sinn des Wortes ihr Heil in der Einhaltung und Beibehaltung strenger Regeln zu suchen. Unveränderliche Gesetze und Rituale scheinen das Heil sichern zu können.
- Die Gefahr ist Erstarrung und Abgleiten in äußerliche Gesetzestreue bis hin zu einer zwanghaften, an magische Praktiken gemahnenden Religiosität. Doch damit verliert der Mensch die Verbindung zum wirklichen Leben sowie die lebendige Erfahrung der Nähe Gottes.
- Der Weg, den uns Jesus vorgelebt hat, besteht darin, die religiöse Tra-dition zu durchforsten und Unwichtiges auszumustern, sich mutig auf Neues einzulassen und die Wirklichkeit des Reiches Gottes im Heute zu entdecken. Dazu braucht es den Mut von Menschen, wie Mose und Jesus die Nähe Gottes von Angesicht zu Angesicht zu suchen.
- Gott ist nicht in Konservendosen zu haben.