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Mittwoch, 3. August, Abschied von der Illusion Sicherheit


Absolute Sicherheit gibt es nicht – doch aufgeben dürfen wir deshalb noch lange nicht


Darin sind sich Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn, Ethikerin an der Universität Tübingen, und Risikoforscher Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Kromp aus Wien einig. Ammicht Quinn skizziert in Salzburg eine Ethik der Sicherheit, in der der politische Bürger mittels Klugheit Chancen und Risiken verstärkter Sicherheitsmaßnahmen abwiegt und gerecht verteilt. Kromp warnt vor dem Ende der Menschheit durch unkontrollierbare Techniken und fordert: „Die Änderung muss im Kopf stattfinden, neue Technologien sind nicht die Lösung unserer Sicherheitsprobleme!“
Seit Jahrzehnten warnen Forscher aller Richtungen vor einem Kollaps der Erde und den damit einhergehenden Katastrophen. „Ich berechne seit Jahrzehnten Katastrophenszenarien. Aber nach Sallafield, Tschernobyl usw. war ich überrascht, dass so etwas wie Fukushima überhaupt noch möglich ist“, erklärt der Risikoforscher Kromp auf den Salzburger Hochschulwochen. Der immense Energieverbrauch des Menschen führt für ihn unweigerlich in den Abgrund: „Afrika konnten wir von einem höheren Energiebedarf abhalten, aber Indien und China werden sich das sicherlich nicht bieten lassen. Ich rechne mit militärischen und wirtschaftlichen Sanktionen.“ Einen Ausweg gibt es nur im Sparen von Energie und dem gleichzeitigen Ausbau alternativer Energien. Er ruft dazu auf, den ökologischen Fußabdruck jedes einzelnen zu verringern. Angesichts der Katastrophe von Fukushima konstatiert Kromp: „Technologien, die ein so hohes Risiko bergen, dass schwere Unfälle irreversible Schäden verursachen, dürfen nicht verwendet werden. Es gibt keine absolute Sicherheit, der Faktor Mensch bleibt unberechenbar. Aber wir müssen die Funktionsweise des Menschen, sein steinzeitliches Denken so gut wie möglich erforschen, sodass wir damit umgehen können.“


Eine vaterlose Gesellschaft in der Sinnkrise


Prof. Ammicht Quinn fokussiert auf die ethischen Probleme mit einem zu starken Sicherheitsdenken. Sicherheit hat ihren Preis. Angesichts dessen fordert sie ein Ende der Absolutsetzung des Sicherheitsbegriffs, die Entkoppelung des Angst- und Sicherheitsdiskurses und die Integration von Sicherheitsfragen in die Rechts- und Wertediskurse der Gesellschaft. Die Sicherheitsdiskussion muss für Ammicht Quinn von Klugheit, einer der vier Kardinalstugenden, geleitet werden. „Dann wird aus securitas certitudo, die Gewissheit um mögliche Gefahren, aber getragen von Vertrauen. Es werden immer Restrisiken bleiben, aber diese müssen gerecht verteilt werden.“ Dies gilt es gerade in unseren heutigen liberalen Demokratien, die anfällig sind für Gefahren, zu berücksichtigen. „Wir wollen unsere demokratischen Systeme schützen, aber dafür braucht es Bedingungen: Erstens darf niemals ein Grundgut zugunsten eines anderen gänzlich aufgegeben werden. Zweitens dürfen die negativen Folgen einer Handlung niemals die positiven überwiegen.“ In Anlehnung an Martha Nussbaum fordert Prof. Ammicht Quinn, wir mögen uns als Weltbürger begreifen, als politische Bürger, die ihre Eigeninteressen zugunsten des weltweiten Wohls zurückstellen.