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Montag, 2. August, Diskussion Boeve-Sellmann


Christsein als Bejubelung der Welt


Nur bei Anknüpfung an die moderne Gesellschaft und Kultur wird das Christentum überleben
 
Darin sind sich Prof. Dr. Lieven Boeve (Leuven) und Jun.-Prof. Dr. Matthias Sellmann (Bochum) einig. Die Entwicklung der christlichen Tradition ist ein Prozess der Rekontextualisierung, Kirche hat sich über die Jahrhunderte immer wieder dem neuen Kontext angepasst. Das Lesen der „Zeichen der Zeit“ ist denn auch eine zentrale Botschaft des 2. Vatikanums, scheint jedoch zu einer Minderheitenposition geworden zu sein. Beide zeigen sich kritisch gegenüber einer „Rückkehr zum Kern“ und fordern stattdessen eine bewusste, ernsthafte Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Kultur und Gesellschaft.
Ein offenes christliches Narrativ, das den Anderen in seiner Andersheit konstruktiv aufnimmt, als Ort einer möglichen Offenbarung Gottes ernstnimmt und der kritischen Selbstreflexion fähig ist, fordert Prof. Lieven Boeve in seiner „Theologie der Unterbrechung“. Theologisch legitimiert wird dieses offene Narrtiv durch Jesus Christus selbst, den Boeve als „Unterbrechung im Namen Gottes“ bezeichnet. So unterbricht Jesus beispielsweise im Handeln an der ehebrecherischen Frau (Joh 7,53-8,11) das geschlossene, repressive Gesetzesnarrativ. Er hebt das Gesetz nicht auf, aber befreit es von geschlossenen Strukturen und setzt die Frau wieder in ihr Recht, selbst zu sprechen, ein. Die grundsätzliche Offenheit gegenüber anderen, wie sie Jesus vorgelebt hat, ist nicht frei von Risiken und Versuchungen. Aber es braucht sie, um heute angemessen von Gott sprechen zu können. „Der kaiserliche Christus aus Ravenna hatte seine Zeit, heute braucht es die Rede vom ‚unterbrechenden Gott’“, so Boeve.
Boeve stellt fest, dass „alle Narrative die Tendenz haben, sich zu verschließen, auch jenes der heutigen Kirche. Als Theologen haben wir die Aufgabe, darauf hinzuweisen. Kirche lernt überall dort, wo Christen sich treffen, auch heute, hier bei den Hochschulwochen.“


„Kirche muss marktfähig werden“


Der Religionssoziologe Matthias Sellmann betont, dass identitätsstiftende Rituale – darunter Kasualien wie Taufe und Heirat – immer noch anziehend sind, da sie biographisch verwertbar sind. Religionen sind soziologisch betrachtet Kompensationsstrategien, „doch Christsein will mehr als Kompensation sein. Im Christsein wird Unsicherheit offengehalten, alles andere wäre unreifes Christsein“, streicht Sellmann hervor. Christsein habe eine „Logik des Umwegs“ in Bezug auf das Lebensglück: „Erst muss es um Christus gehen, alles andere wird euch gegeben werden.“ Das Problem leerer Kirchen liegt für Sellmann an der mangelnden Marktfähigkeit der Kirchen. Er fordert verstärktes Kirchenmarketing mit „kundenorientierten Angeboten“. Sellmann unterstreicht: „Ich will volle Kirchen, aber nicht um wieder eine mächtige Kirche zu haben, sondern weil Menschen Gott für ihr Leben danken wollen.“


Wer ist Christ oder die Relevanz des Christseins heute


Boeve meint hingegen, dass leere Kirchen nicht nur eine Folge mangelnden Marketings seien. Das Bekenntnis, Christ zu sein, hat in vielen insbesondere westeuropäischen Gesellschaften an gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit verloren. Sich als Christ überhaupt verständlich zu machen, ist schwierig geworden. Boeve fragt: „Sind Getaufte, die sich selbst nicht als Christen bezeichnen, noch Christen? Was heißt es überhaupt noch, Christ zu sein?“ Er fordert, dass Kirche die Entscheidungsprozesse der Menschen für oder gegen Kirche ernstnimmt und in ihr offenes Narrativ aufnimmt. Für Sellmann liegt das kritische Moment in der Relevanz des Christseins für den einzelnen Menschen: „Glaubensfragen wollen eine Grammatik für Lebensfragen sein. Christlicher Glaube muss bei Lebensfragen attraktiv sein. Was bringt es mir persönlich Christ zu sein?“