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Mittwoch, 4. August, Was uns leben lässt angesichts der Endlichkeit – Effizienz und Suffizienz

 

Die Endlichkeit des Lebens angesichts begrenzter Ressourcen und ihrer immer stärkeren Ausbeutung – aus der Perspektive der Öko-Effizienz beleuchten Ernst Ulrich von Weizsäcker und Franz Fischler das Generalthema der Salzburger Hochschulwoche 2010.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Experte für Umwelt, Ökoeffizienz und Biologie, gilt als einer der wichtigen Vordenker des Konzeptes einer nachhaltigen Entwicklung. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten, Ideen und Vorschlägen, wie die wachsende Menschheit ihre materiellen Bedürfnisse langfristig befriedigen und gleichzeitig die Umwelt als überlebensnotwendige Grundlage bewahren kann, hat er wichtige Beiträge für die gesellschaftliche Diskussion geliefert und wesentlich zur Verankerung des Denkens der Nachhaltigkeit in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beigetragen. Auf seinem Vortrag bei der Salzburger Hochschulwoche präzisiert von Weizsäcker die Vorschläge für ein nachhaltiges Wachstum: "Dem reichen Norden sei es gegönnt, seinen hohen Wohlstand zu halten und gute Beschäftigungsziffern zurück zu gewinnen, wenn er zugleich seinen Naturverbrauch um 80% verringert. Die ärmeren Entwicklungsländer sollten einen fünffachen Wohlstand erreichen, und das ohne mehr Naturverbrauch. Die Schwellenländer liegen irgendwo dazwischen. Das ist der Grundgedanke des neuen Buches Faktor Fünf."

Von Weizsäcker äußert sich optimistisch, dass der "Faktor Fünf" in so gut wie allen Lebensbereichen erreichbar wäre. Er stellt aber klar, dass angesichts der schon erzielten energetischen Optimierung von Einzeltechnologien wie etwa des Verbrennungsmotors die Erreichung von "Faktor Fünf "technologische Systemveränderungen fordert". Diese werden, so von Weizsäcker, jedoch noch nicht verfolgt: "Warum macht die Welt so gut wie keine Fortschritte in Richtung Faktor Fünf? Die Antwort ist überraschend einfach: Die Weltgemeinschaft ist immer noch der Meinung, dass Energie, Wasser und andere Ressourcen billig sein müssten. Und gewaltige Hebel werden in Bewegung gesetzt, um dieses unsinnige Ziel immer wieder zu erreichen. Das Ölbohren im Golf von Mexiko gehörte dazu. Die Politik verschanzt sich meist hinter den Ärmsten im Volk." Eine Lösung sieht er in einer "klugen Gestaltung der Energieverteuerung". Von Weizsäcker plädiert dafür, die Energiepreise sehr sanft, dafür aber langfristig anzuheben: "Mit sanft meine ich: im Gleichschritt mit der Erhöhung der Energieproduktivität." Diese langfristige ökologische Preispolitik ist zugleich die richtige Antwort auf den "Rebound-Effekt", der in der Vergangenheit alle Effizienzgewinne durch zusätzlichen Konsum aufgefressen hat: "Richtige Preise führen auch zur Suffizienz, d.h. zur Genügsamkeit."

Auch Franz Fischler, ehemaliger EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, sucht auf der Salzburger Hochschulwoche nach Mitteln und Wegen zur Lösung der ökologischen und ökonomischen Endlichkeitskrisen. Als Vorsitzender des Ökosozialen Forums unterzieht er die Politik der letzten Jahrzehnte einer herben Kritik: "Die großen Ziele und Vorhaben des ausgelaufenen 20. Jahrhunderts wie die Milleniumsziele, eine neue Welthandelsrunde, ein globales Klimaabkommen, eine Verfassung für Europa, Global Goverance Ambitionen und einige andere mögen zwar gut gemeint gewesen sein, haben aber alles andere als ihr Ziel erreicht." Diese Kritik untermauert Fischler mit harten Zahlen: "Es geht nicht an, dass man 1999 beschließt, die Zahl der Hungernden innerhalb von 15 Jahren zu halbieren und nachdem zwei Drittel der Zeit verstrichen sind, stellt man fest, dass die Zahl der Hungernden um mehr als 20 Prozent zugenommen hat."

Fischler schlägt fünf Wege vor, die aus den globalen Krisen herausführen sollen: "Ein 1. Weg muss aus der Sackgasse der Armutsfalle herausführen und sich an den sozialen Grundrechten orientieren. Ein 2. Weg verlässt die traditionellen, auf dem GDP-Wachstum basierenden Wohlstandsmodelle und soll zu mehr Lebensqualität führen. Ein 3. Weg ist der Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter. Ein 4. Weg ist der Entwicklungspfad der technologischen Entwicklung. Ein 5. Weg ist die leider meist holprige Bahn der Demokratieentwicklung." So wie von Weizsäcker ist auch Fischler davon überzeugt, dass die Endlichkeit der Ressourcen nicht nur ein technologisches oder ökonomisches Problem ist, sondern vor allem ein politisches, das in Balance von Ökonomie, Ökologie und sozialer Nachhaltigkeit gelöst werden muss. Fischler endet mit einem Plädoyer für gesellschaftliches Engagement: „Erst ein gesteigerter Öffentlichkeitsdruck wird Entscheidungen in der Politik herbeiführen.“

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Morgen, 5. 8. 2010: Öffentliche Diskussion von v. Weizsäcker und Fischler
Große Aula, Universität Salzburg
10 - 12 Uhr