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Freitag, 6. August, Zukunft? Rückblicke und Prognosen

 

Ungewisse Zukunftsaussichten und Endzeitvorstellungen haben neben eher zweifelhaften Prognosemethoden immer auch schon zu seriösen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen geführt. Unter dem Generalthema „Endlich! Leben und Überleben“ beleuchtet die Salzburger Hochschulwoche 2010 die wissenschaftliche Produktionskraft einer unbekannten Zukunft.

 

(SHW7/jugru) Einen Blick zurück auf Zukunftsprognosen des Mittelalters wirft der Historiker Johannes Fried, emerierter Professor in Frankfurt/Main. Diese standen unter sehr akuten Endzeiterwartungen. Ausgehend von den apokalyptischen Prophezeiungen der Bibel, die „zunächst für bare Münze genommen wurden“, versuchte man in den Jahrhunderten des Mittelalters, die Zeichen der Zeit zu deuten: „Jesus hatte sie in seinen Abschiedworten bei Namen genannt. Ihre Zahl schwoll an, und das war Verheißung eines baldigen Endes. Immer aufs Neue sollten die Gläubigen des drohenden Untergangs gedenken“. Die christliche Vorstellung, dass die Welt nicht nur einen Anfang hat, „sondern auch ein Ende haben müsse“, wurde zum „Interpretament der Naturwahrnehmung und der Geschichte.“ Sie grub sich tief ins kollektive Bewusstsein ein, sagt Fried: „Die Erwartung, ein sozialer Habitus, verfestigt sich tief im kulturellen Gedächtnis, wo er bis heute sich rührt. Keine Unwetter, keine Flut, kein Beben, kein aus den Tiefen des Meeres hervorquellendes Öl, kein Hagelschlag, kein Gewittersturm, die nicht als möglicher Weltuntergang interpretiert werden können.“

Die Vorstellung vom nahen Ende der Welt zog im Mittelalter eine intensive Frömmigkeitspraxis nach sich. Sie hatte jedoch auch enorme Impulse für die Wissenschaften, die, wenn auch in säkularisierter Gestalt, noch immer wirksam sind. „Es war der Himmel, der die Erkenntniskräfte herausforderte, der Sonnen- und Mondlauf, die Sterne, die Zeit und der Kalender. Ihre Ordnung galt es zu kennen.“ Gerade das erwartete nahe Ende forderte zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen heraus, mit denen seine Zeichen genauer gedeutet werden könnten: „Die Gelehrten und andere interpretierten, was sie wahrnahmen, als Zeichen der Natur, als Warnungen Gottes. Aufmerksam registrierten sie dieselben, auch wenn sie deren Bedeutung nicht ohne Weiteres entzifferten. Es verlangte ein geduldiges Hinsehen und Hinhören und Nachsinnen.“ Der Versuch, einer unbekannten, aber als erschreckend vorgestellten Endzeit Herr zu werden, wurde so zur Basis der Entwicklung moderner Wissenschaft. Ihr Erkenntnisfortschritt untergrub jedoch die Autorität der Bibel: „Die Wissenschaft machte sich auf den Weg zur Entmythologisierung bisheriger Glaubensinhalte. Solches Wissen schob nicht nur die Endzeit auf unabsehbare Zeit hinaus, sondern kratzte an der Wahrheit des Gotteswortes.“ Mit den Jahrhunderten schritt die Säkularisierung der Wissenschaften immer weiter voran, doch damit, so Fried, sind die Endzeiterwartungen des Mittelalters auch heute noch nicht Geschichte: „Umfrageergebnisse verdeutlichen zur Genüge, dass sich die Aufklärung mit ihrer Destruktion apokalyptischer Erwartungen keineswegs allgemein durchgesetzt hat. Die Untergangsangst hat unsere westliche, christlich geprägte, doch säkulare Gesellschaft noch immer im Griff. Die Angst hat sich nur gewandelt, ist technischer, detaillierter, messbarer und umfassender geworden.“ An diesen Schlusspunkt des Historikers kann die Innovationsforscherin und –managerin Marion Weissenberger-Eibl mit einem praxisnahen Ausblick auf die „Arbeits- und Lebenswelten unserer Zukunft“ anschließen. Sie leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Seit über 35 Jahren beschäftigt sich das ISI mit der Frage, wie die Gesellschaft mit Innovationen umgeht und wie Innovationen von der Politik gefördert werden können. Damit betreibt es Zukunftsforschung; es arbeitet interdisziplinär mit technischem, wirtschaftlichem und sozialwissenschaftlichem Know-how und entwickelt wissenschaftlich fundierte Analyse-, Bewertungs- und Prognosemethoden. Innovationen sind dabei „mehr als eine gute Idee der Technik“, sagt Weissenberger-Eibl. Sie wirft eine ganzheitliche Perspektive auf Innovationen, die die Aspekte Produkt, Service, Technik und Organisation in den Blick nimmt. „Eine Innovation greift erst dann, wenn sie sich am Markt bewährt.“

Auch die Innovations- und Zukunftsforschung, so Weissenberger-Eibl, ist eng mit dem Thema Endlichkeit verknüpft: „Wir leben in einer permanenten Abfolge von Abbrüchen und neuen Anfängen, sowohl in unserem Privat-, als auch im Arbeitsleben.“ Für den Arbeitsmarkt der Zukunft bedeutet das, dass „die Erwerbsbiografien, wie wir sie noch von unseren Eltern kennen, selten geworden sind. Heute gibt es nicht nur die Möglichkeit zum Neuanfang, vielmehr wird er von uns erwartet.“ Als Innovationstreiber am künftigen Arbeitsmarkt beschreibt sie die Internationalisierung der Wirtschaft und ihre vermehrte Ausrichtung auf Dienstleistungen: „Von Arbeitnehmenden wird in Zukunft immer mehr eine Flexibilisierung erwartet werden, sowohl was die Arbeitszeit als auch den Arbeitsort betrifft.“