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Festvortrag 2015

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering

Literatur: Thomas Mann verfolgte "Christlichen Humanismus"


Der Vortrag des deutschen Literaturwissenschaftlers Heinrich Detering über "Prekären Humanismus bei Thomas Mann" beendete die heurige Salzburger Hochschulwoche

Es ist müßig, Thomas Mann (1875-1955) als Schriftsteller zu würdigen; auch seine Größe als einer der einflussreichsten Literaten und Denker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist selbsterklärend. Schon schwie-riger gestaltet sich da die Beschreibung des Hu-manismus, für den Thomas Mann stand. Dieser - so die These des Göttinger Literaturwissenschaftlers und Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering - war vor allem in der Spätzeit Manns deutlich "religiös imprägniert" und könne ohne Umschweife als "Christlicher Humanismus" bezeichnet werden. Detering erörterte diese These in seinem Festvortrag zum Abschluss der heurigen Salzburger Hochschulwoche.


Doch der Weg zu diesem christlich im-prägnierten Humanismus, den Mann vor allem in der Zeit des US-amerikanischen Exils in den 1940er Jahren in der "First Unitarian Church of Los Angeles" entfaltete, war weit: "Humanismus war Thomas Mann eigentlich ein Gräuel", so Detering im Blick auf den frühen Thomas Mann. Die Kritik entzündete sich vor allem an jenen Formen des Humanismus', die darunter ein "selbstsicheres Festhalten am klassischen Erbe" des Humanismus verstanden. Erst 1913 tauchte daher das Wort Humanismus in einem Nachruf auf Manns Schriftsteller-Freund Friedrich Huch, in dessen Werken Mann einen "neuen Humanis-mus" zu erkennen glaubte, der die bisherige humanistische Treffnung von Natur und Kultur, von Körper und Geist zu überwinden versuchte.


Diesem Ziel - nämlich dem Widerstand gegen jede "Erstarrung humanistischer Bildungskultur" - blieb Mann zeitlebens verbunden, so Detering weiter - ebenso seinem Schopenhauer verdankten Argwohn jeder optimistischen Überhöhung des Menschenbildes und Weltverständnisses gegenüber. So zielte Mann in seinen Überlegungen zum Humanismus zunächst auf eine Verbindung einer weitgehend pessimistischen Weltsicht, die "vom Tode weiß", mit einer bleibenden "Lebensfreundlichkeit" - literarisch entfaltet finde man diese etwa im "Zauberberg" (1924).


Im Widerstand gegen Hitler-Deutschland wird der Begriff des Humanismus bei Thomas Mann schließlich zu einem "Kampfbegriff gegen Rassenwahn, Gewaltverherrlichung, Körperkult und Kriegslust", so Detering, sah Mann im Nationalsozialismus doch ein "reduktionistisches Menschenbild" am Werk, dem der von ihm kritisierte, erstarrte bildungsbürgerliche Humanismus sogar dienstbar gewesen sei. Erst in dieser Zeit komme es bei Mann auch zu einer positiven Aufladung des Begriffs der Demokratie als ein Gegenbegriff zum Faschismus.


Entdeckung des "Homo Dei"
Zeugnis dieses Widerstandes gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus stellte laut Detering auch Manns Begriff des "Homo Dei" dar, wie er im "Zauberberg" vorkommt als Bezeichnung des auf Gott hin ausgerichteten Menschen. Da der alte Humanismus das Menschliche erstickte und der moderne, vitalistische Humanismus dies überwucherte, habe Mann mit diesem Begriff eine Existenzform, einen Humanismus skizziert, der als Alternative bewusst auf das jüdisch-christliche Erbe rekurrierte, so Detering. So habe Mann in einer Rede 1943 im amerikanischen Exil unterstrichen, dass soziale Demokratie und ein Humanismus, "der wieder den Mut hat zur Unterscheidung von gut und böse" das eigentlich neue in der Welt darstelle.


Tatsächlich habe Mann mit seinem - von ihm selbst groß geschriebenen - "Christlichen Humanismus" während der Exilsjahre Anschluss an die Unitarierkirche gefunden, genauer: an die "First Unitarian Church of Los Angeles". Auch andere europäische Intellektuelle wie etwa der protestantische Theologe Paul Tillich sahen sich dieser Kirche nahe in ihrem gleichsam "undogmatischen" Christentum und ihrer Verknüpfung von Vernunft und Sittlichkeit als Kern der Botschaft Jesu.


Die Nähe Thomas Manns ging so weit, dass er 1954 in eben dieser kalifornischen Gemeinde die Kanzel bestieg und "eine Art Predigt" hielt, so Detering. In eben dieser Predigt habe Mann die menschliche Existenz als in letzter Konsequenz "heilig" und unergründlich beschrieben - als gleichermaßen theologische und anthropologische Existenz. "Damit geht bei Thomas Mann das religiöse Bekenntnis dem humanistischen Bekenntnis voraus" - und letztlich auch aller humanistischen Politik, die sich in sozialer Gerechtigkeit, Flüchtlingshilfe und Fürsorge etc. zeige.

Henning Klingen